Stories – Gummihund https://www.buckelpistenfahren.de Kompendium zum Buckelpistenfahren Sun, 28 Jun 2026 11:16:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.19 Die Bobbahn von St. Moritz https://www.buckelpistenfahren.de/die-bobbahn-von-st-moritz/ https://www.buckelpistenfahren.de/die-bobbahn-von-st-moritz/#respond Thu, 18 Jan 2007 11:26:53 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=401 .flex_column.av-y4rnd-c5e5b6f0da3b053ef0494a495111bc97{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Nachmittags um 3, neben der Straße

Januar 2007

Sankt Moritz im Engadin, an der örtlichen Bobbahn, ein Rennen wird veranstaltet. Wenn sich die Leute mit dem Kopf zuerst in eine Eisbahn stürzen, mit dem Bauch auf einem Schlitten liegen und die Beine hinten haben, dann nennt sich das Gerät Skeleton. Auf einmal laufen überall wichtige Personen herum, Trainer und Wettkämpfer. Wir sehen Leute mit  Legitimationskarten an der Brust und sehen Klamotten der unterschiedlichen Nationalteams. An einigen Dächern befinden sich fest montierte Kameras. Ich bin mir nicht ganz sicher mit den Kameras, aber ich habe das Gefühl, nachdem ich die ersten beiden Geräte gesehen habe.

Wir selbst logieren seit ein paar Tagen in einer etwas bescheideneren „Sozialwohnung“ in einem Hochhaus im fünften Stock auf der anderen Seite des Sees und nicht im Palasthotel, das jeder aus den James-Bond-Filmen kennt und das wahrscheinlich auch sehr komfortabel und entgegenkommend ist. Diese Sozialwohnungen werden hier auch angeboten und die Pisten bleiben gleich, unabhängig davon, welche Summen man für die Übernachtungen auf den Tisch legt oder legen kann.

Wir haben gar kein Problem, an die Eisbahn zu gelangen, wir beide, meine  Freundin und ich.

Wir gehen – aus logischen Gründen – möglichst unauffällig den Weg zur Bahn entlang und manövrieren uns vorsichtig an dem Häuschen mit den Eintrittskarten vorbei. Wer weiß schon, was eine Karte für ein Weltcuprennen alles kosten kann. Dann stehen wir, ohne uns etwas anhören zu müssen, ein paar Meter neben dem Startbereich. Direkt neben dem Start und kucken auf die Bahn, einfach so. Man kann uns durchaus als Touristen erkennen, denn wir haben Langlaufskier in der Hand – logisch, ich und Langlaufski. Aber es bleibt so: Niemand stört sich an uns.

Wir halten uns ein paar Minuten lang im Eingangsbereich auf und versuchen die Situation zu nehmen, wie sie sich anbietet und sehen auch, was passiert. Die ersten Schlitten werden auf die Bahn gelegt und und die Athleten starten das Anschieben und Losrennen. Sie rufen: „Hophophop Aga Aga“und hauen ihre Schuhe mit den Spikes ins Eis. Dies ist also der Teil der Fahrt, der entscheidend für den Rennerfolg ist. Dann geschieht irgendwie nicht mehr viel, und wir überlegen uns, was wir machen sollen. Sollen wir uns vielleicht den Rest der Bahn ansehen? So etwas kann man doch ausnutzen, es scheint ja niemanden zu stören, heute jedenfalls nicht. Die Sache entwickelt sich zu einem abenteuerlichen Vorhaben, nun, warum auch nicht.

Aber dann: Einen derartigen Weg haben wir noch nie gesehen. Ist der überhaupt freigegeben? Die Bahn ist bereits eisig, aber der Besichtigungsweg, der an der Bahn entlang führt, sieht bei näherer Betrachtung aus wie ein gefrorener Wasserfall. Na gut, das bessert sich vielleicht noch. Wir gehen wie die Pinguine, sorgsam einen Fuß neben den anderen setzend, los. Meine Begleiterin schlägt in der ersten Minute gleich zweimal zu Boden, und lacht sich fast tot dabei – wohl mehr den eigenen Tod sehend als lachend – obwohl sie langsam und vorsichtig den Abstieg begonnen hat. Wir ändern also unsere Strategie komplett und gehen wie Pinguine weiter, sorgsam einen Fuß neben den anderen setzend – man muss sowas wahrscheinlich üben im hochalpinen Gelände. Wir halten uns an unseren Stöcken fest, hängen an  ihnen wie an Griffen, die stabil sein könnten.

Keiner aus der Organisation hat nachgedacht und sich entschlossen, Split oder irgendwas vergleichbares auf den Boden streuen. Ist das jetzt Absicht oder was?  Gibt es Sorgen vor Körnern oder Steinchen, die dann in die Bahn gelangen könnten? Wenn hier einer hinfällt – oh Mann, was hält ihn dann noch davon ab, wie eine dumme,  fette Robbe in die Eisbahn hinein zu rutschen? Eine Kollision mit dem nächsten Schlitten wäre die Folge eines gar nicht so unwahrscheinlichen Sturzes. Wir bemühen uns, die Situation nicht zu unterschätzen. Diesen Weg hat außer uns beiden anscheinend noch kaum ein Fußgänger benutzt. Na sowas.

Wir halten an einigen Stellen an: Ein Geräusch kommt, ein schwarzer Schatten stößt  vorbei und verschwindet auf der anderen Seite wieder, dann eine Minute nichts, dann das Gleiche. Man kann irgendwie keine Unterschiede feststellen. Auf jeden Fall wissen  wir nun, dass auf diesem Planeten Italienerinnen existierten, die 1,90 Meter lang sind und wirklich beneidenswerte Gesäßmuskel besitzen.

Wir gehen wie gesagt pinguinmäßig weiter und als wir unten ankommen, sind wir heilfroh, dass wir uns nichts gebrochen oder abgeschlagen haben. Die Hemden sind nass geschwitzt.

Fernsehkameras

Schau mal einer an. Es gibt keine gefahrlose Möglichkeit zur Anlage hin zu gehen. Der Wettkampf in der Eisbahn wird für die Welt und ihre Fernseher veranstaltet und vor Ort interessiert sich keiner dafür, denn sonst gäbe es diese Zugänge. Ein Sport, der nur für die Fernsehkameras gemacht wird. Das genaue Gegenteil zum Buckelpistenfahren, welches im Fernsehen ja nie übertragen wird und auch nicht übertragen werden muss.

Der eine Sport ist so veranlagt, dass er Kameras benötigt, um überhaupt wahrgenommen zu werden, der andere so, dass man keinen Titel gewinnen muss, um etwas darzustellen – denke ich mir, parteiisch, wie ich nun mal bin.

Man kann leicht ausrutschen, auf dem Weg um die Bobbahn von St. Moritz.

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Nichts mehr los https://www.buckelpistenfahren.de/34/ https://www.buckelpistenfahren.de/34/#respond Thu, 20 Mar 2003 19:05:13 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=34

Samstags, vor der Mittagspause

Montafon 2003

Anno des Jahres 2003 fuhr ich mit einem Arbeitskollegen, einem Snowboarder, ins Montafon. Es war Februar und wir bezogen die Unterkunft an einem Freitagabend.

Mein Kollege wollte zunächst nicht zur Silvretta Nova im Monafon fahren, sondern in ein Skigebiet in Frankreich, wo sich die Snowboardszene traf in dieser Zeit. Ich versuchte ihn ein paar Tage lang zu überzeugen für mein Reiseziel und er war dann irgendwann einverstanden. Super, es konnte los gehen, unsere Anfahrt erfolgte mit einem PKW.

Wir verließen nach ein paar Stunden die Autobahn und bogen und ins österreichische Alpental ab. Hier war auch alles in Ordnung. Wir waren im richtigen Moment gekommen, denn ordentliche Schneemengen waren ausgeliefert worden. Sitzend im Wagen schauten wir nach link und rechts, registrierten die Nadelholzbäume neben der Straße, erlebten, wie sie sich unter den Gewichten beugten und bemerkten kühl: „Boa, ist das kitschig, stimmt doch, oder?“.  Die Zutaten zum Skispektakel waren vorhanden, wenn – naja – hört bitte weiter zu. Wir checkten dann in die Pension ein und legten uns früh schlafen.

Am nächsten Morgen starteten wir doch etwas spät in Richtung Gondel, erst etwa gegen 9:00 Uhr. Ich musste noch den Kampf mit meinem inneren Schweinehund durchstehen. Irgendwann schmerzt aber auch die Hand vom Hämmern auf den Wecker. Los geht’s, ein Skiurlaub ist schließlich teuer genug bezahlt. Ich verließ das Bett, hob die Betonplatte in meinem Inneren hoch und stieg in meine Klamotten.

Parkplatz gesucht, gefunden, Jacken aus dem Koffer geholt und Ski und Stöcke neben die Karosserie gestellt. Wir zogen unsere geräumigen Skistiefel an, knallten die Autotüren geräuschvoll zu und schwebten dann, dem Anlass entsprechend, leicht und elegant, ab und zu ein paar Luftsprüngen machend, zur Seilbahn von St. Gallenkirch – dem Dorf neben Gaschurn. Nachdem die Skipässe besorgt waren, schauten wir nach oben und verfügten uns in die rüstigen Gondeln. Uns erwarteten die gleiche Transportkapseln wie 20 Jahre zuvor, man erkannte ihr Alter an den Hinweisschildern in der Tür. Diesen Aufklebern konnte man entnehmen, dass man beim Losgondeln keinen Fuß in die Tür setzen sollte. Diese Grafiken hatte ich jahrzehntelang beim Hochfahren gelesen, hier hatte sich wohl ein Designer in den 1970-ern ausgetobt, sein Wille zur Modernität war wohl größer als sein gestalterisches Vermögen. Einige Kulissen standen also noch unverändert da – auch die zugehörige Bergstation zeigte sich in alter Form nach all diesen Wintern. Wir gingen von der Bergstation raus auf das Plateau, wo man sich die Skier anschnallen konnte. Der Schnee knirschte tatsächlich noch unter den Füßen, das fühlte sich gut an, wer hätte das gedacht, ich jedenfalls nicht, ich hatte da so meine Zweifel gehabt. Mussten wir nun – wie das manchmal passiert – vorsichtig fahren und aufpassen, damit wir uns keine Löcher in den Gleitflächen holten oder Schäge in den Stahlkanten reinschlugen? Nein, nicht an diesem, vielversprechenden Wochenende.

Alles war vorbereitet: Vor uns schimmerten Buckelpisten ästhetisch in der Atmosphäre, wie in  Ursprungszeiten. Und diese Luft – wenn man sie durch die Atemöffnungen einzog war sei so dermaßen frisch und klar – sie ist wahrscheinlich direkt von der Atlantikküste zu diesen Berghängen hinüber transportiert worden. Da ich merkte, dass meine Muskeln noch in der Lage waren, elektrisierende Meldungen abzugeben, entspannte ich mich und schaute vorsichtig zur Seite: Auch die Muskeln meines Kumpels, des Snowboardfahrers meldeten sich, wenn man ihn so ansah. Irgendwelche Leute mussten diese Buckel ausgefahren haben, denn die erkennbaren Ausformungen des Schnees waren nicht von alleine entstanden. Gut dass wir hier waren und nicht woanders. Wir hatten nun Samstag und da krochen den Erfahrungen nach – welche ich Euch komplett (und leider nur in brüchigen Worten angesichts der Dimension der Vorfälle) in der letzten Folge dokumentiert habe, also da krochen die Buckelpistenindianer verlässlicher aus ihren Löchern, als an Arbeitstagen. Dies war eine logische Schlussfolgerung und ich sah keinen Anlass zu behaupten, dass ein vernünftiger Mensch sie nicht wiederholen sollte.

Unser Endziel, der Nova-Hang, zeigte sich zuerst in mittlerer Ferne und lag dann nach ein paar Minuten in Wurfnähe. Schau an, er war noch mit den altbekannten Liftanlagen versehen: Der Schlepper zog links fleißig die Passagiere hoch und ein Doppelsessellift half rechts bei der täglichen Aufgabe, die Leute auf den Berg zu bringen. Würden wir verfolgen können, wie sich die Sache auf diesem altbekannten Terrain entwickeln würde? Könnten wir Kontakte knüpfen zur Peripherie, die sich um jene Typen herum bildet, die darüber nachdenken, wie der menschliche Bewegungsapparat eine Buckelpiste herunter fahren kann? Wenn das mit der Kommunikation nicht klappen würde – was schon mal passiert – dann bekämen wir wenigstens was zu sehen. Nun standen wir da und ich setze in Vertrauen auf das, was nun kommen würde, eine entspannte und gleichzeitig aufmerksame Miene auf. Wir fuhren wie geplant den Nova-Hang hinauf, ich lehnte mich in unserem Vierersessel zurück und war ein wenig glücklich.

Und?

Tsja, also, eigentlich, naja.

Ich hörte auf mit dem frohen Daherkucken, denn wir fanden keinen greifbaren Grund für diese Freude. Wir sahen niemanden, kein einziger Fahrer war vorhanden, jedenfalls am Nova-Hang war niemand zu sehen.

Gibt es das? Das ist aber seltsam ulkig.

Wir haben nach und nach alle Hänge überprüft. Kein einziger unter schätzungsweise 5.000 Winterurlaubern beherrschte auch nur teilweise die Technik der ausgleichenden Federung – oder waren aus der Ferne von jemandem dabei gesehen worden. Die Buckelpisten des ganzen Gebiets waren menschenleer – entvölkert, wie die Marsoberfläche. Diese Sorte Sport existierte anscheinend nicht mehr, war aus der öffentlichen Wahrnehmung chirurgisch sauber entfernt worden – und das im einstigen Nomadenlager der österreichischen Buckelindianer.

Ratlosigkeit in mir. Obwohl ich das Ganze mit Situationshumor nehmen wollte, war mein Kollege sichtlich nervös, gab mir einen fürchterlichen Tritt, sagte, dass ich einem Gespenst nachgejagt hatte, welches offensichtlich nicht existierte. Auch er war angekratzt, denn auch er interessierte sich doch im Laufe der Vorbereitungen für meine Vision vom Nomadenlager. Ja, wo sollen die Indianer denn hin sein, giftete ich ganz neutral zurück, wenn sogar die Silvretta Nova leer ist, der Klassiker unter den Arealen?

Schlecht gelaunt habe ich mich in den Pausen umgesehen – und habe mit meinen Blicken einige Jungs und Mädels aussortiert: Ich hätte schwören können, dass diese jungen Leute gewisse Fähigkeit besaßen. Nicht nur, dass diese Typen sich mit brauchbaren Material versorgt hatten, was an sich schon an sich etwas aussagt – sie machten mir tatsächlich den Anschein, als könnten sie mit gehobenen Herausforderungen auf Skiern umgehen. Man erkannte das Potential an der Art, wie sie die Ski anzogen und die ersten Stockeinsätze machten. Skifahrer sollten im erweiterten Einzugsgebiet von München doch in ausreichender Menge vorhanden sein. Aber nicht mal ein kleiner Versuch wurde gewagt, um meinen Glauben zu stützen.

Respektlos, konnte ich da nur sagen. Diese ernüchternde Leere war der vorläufige Schluss einer Geschichte, die auch anders hätte ablaufen können. In dieser Woche war es uns leider nicht erlaubt, echte Buckelpistenfahrer aus Fleisch und Blut zu sehen, anzusprechen und kennen zu lernen und so blieb das dann auch. Das Buckelpistenfahren als wahrnehmbare Option des Schneesports hatte jemand weggeschaltet – nachdem er diese Möglichkeit in den frühen 1980-er Jahren komplett von der Leine gelassen hatte, wo die Skifahrer mit ihren Knien umgingen wie mit rechtlosem Kautschuk.

Schwarzjacken

Irgend so ein Typ meinte mal in Les Arcs in Frankreich zu mir, er vermisse die sogenannten „Schwarzjacken“, die doch bekanntlich überall zu finden seien. So ein Schwachsinn. Schwarzjacken, wo die doch überall zu finden seien. Leute gibt es und Ideen haben die.

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Lautstarke Äusserung https://www.buckelpistenfahren.de/48/ https://www.buckelpistenfahren.de/48/#respond Thu, 20 Feb 2003 20:19:03 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=48 .flex_column.av-2ifik-3573d04d6c70f301181e0266e91d6f04{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Neulich, an der Lifttrasse.

Über Japan finden die ergiebigsten Schneefälle überhaupt statt. Das Land liegt zwischen den Landmassen von Russisch-Sibirien und dem Pazifik, einem Meer, über dem ständig feuchte Luft nach oben steigt. Wenn sich Nässe und Kälte vermischen, dann entstehen große  Schneemengen. So fallen mitunter 5 bis 7 Meter Schnee pro Nacht und das reicht dann für ein paar gute Abfahrten. Am nächsten Tag regnet es häufig wieder und die japanische Freude ist vorbei.

Nun zu den Alpen:

Jogi, mein Kumpel, war etwas spät dran, was ja normalerweise selten geschah – nun, er hatte sein Bett aus irgend einem Grund nicht verlassen, der Abend zuvor war irgendwie überlang gewesen. Geschneit hatte es, als wäre über Japan ein großer Sack mit Popcorn explodiert. Die ganze Nacht hatte es Schnee gegeben, ein Tiefschneetraum in der ersten Stunde des Liftbetriebs – und wie das halt so ist, ganz schnell waren die Ersten oben, fahren muss man ja nicht sonderlich können, und die erste Spur ist bekanntlich die schönste. Dann kann man sich noch die zweite Spur und eine dritte Spur suchen, auch nicht schlecht, anschließend vielleicht noch 20 andere Spuren aber dann ist der Platz verbraucht. Einige Skifahrer nutzten den Morgen aber nun war nicht mehr viel übrig. Ok, ein paar Stellen gab es doch noch, irgendwo am Rande, aber die waren nicht leicht zu erreichen.

Außer dieser einen Spur direkt am Schlepplift. Zugegeben, man musste schon relativ nahe an die Trasse heran und das konnte einigen Leuten vielleicht etwas aufdringlich vorkommen, aber es war nicht gefährlich. Keine Buckelpiste an dieser Stelle, sondern ein relativ ebenes Stück Hang. Der Boden war noch glatt von gestern, keine Eisbrocken unter dem Neuschnee vorhanden oder sowas. Aber Jogi fuhr schon sehr nahe am Personenverkehr.

Er tat es dann so, wie er es sich angewöhnt hatte. Jogi hatte eigentlich einen guten Lauf, es war einigermaßen elastisch und immer schön abwechselnd Beuge- und Streckmuskeln belastend, so dass es ausgeglichen war und wie es sich seiner Meinung nach gehörte. Im Schlepplift neben der Piste befanden sich Leute. Der eine Typ, der da gerade hochfuhr, sah nicht unbedingt nett aus, hatte einen roten Anzug, aha, dieser 45 jährige Skilehrer, einer aus der Skischule, der örtlichen. Und Jogi war tatsächlich recht nah, hatte etwa zwei Meter Abstand zu ihm. Jogi fuhr hinunter, er hinauf. Auf jeden Fall fing dieser Typ an zu brüllen, mit einem Nachdruck und einer Energie – Jogi hat nicht verstanden, was er wollte, aber es dauerte bestimmt fünf Atemzüge lang und klang irgendwie entmenschlicht in seinen Ohren. Er brüllte wie ein Mammut.

Aber was denn? Der Herr hätte doch merken sollen, dass es auf dieser Piste Leute gab, die die Strecke im Griff hatten. Er hätte doch sehen können, dass da keine wirkliche Gefahr bestand. So eine Idiotie. Jogi hat dann noch drei Schwünge gemacht, die Fahrt abgebrochen und ist zum Auslauf des Hanges hin. Dort unten hat er sich leicht gebeugt, nicht ganz gerade hingestellt.


der Schrei

Es hallte in ihm nach.
Hinter Jogi kam ein Kollege und hielt an. Er sah, das Jogi nicht gut aussah.
Der Kollege fragte Jogi, ob er mitbekommen habe, was da gerade weiter oben geschehen war.
„Ja, der Typ hat sich aufgeregt.“
Der Kollege nahm den Kopf nach unten und schüttelte ihn.
„Nicht ganz,“ sagte er.
„Wie?“
Der Kollege wartete, schaute Jogi an und sagte dann:
„Nein. Er war außer sich vor Begeisterung, er rief, dass er noch nie eine derart flüssige Fahrt gesehen habe, von einer solchen Präzision und Vollkommenheit. Und er hat es wirklich mit Nachdruck gerufen. “

Wie bitte ?! Sorry. Das kann man einem doch auch anders sagen. Jogi ist dann seinem anscheinenden Fan, dem Profi-Skilehrer nicht näher gekommen, denn ihm war die Sache suspekt. So etwas Albernes. Ihn hat nie wieder jemand so angeschrien, glaubt er jedenfalls, er kann sich jedenfalls nicht erinnern.  Warum ich das erzähle?

Wenn da wirklich ein Mensch die Stimme verliert, der außerdem kein Anfänger ist, nur weil Jogi, ein Mitglied unserer Gruppe, ganz normal Ski fährt, dann könnte man doch versuchen herauszufinden, woran das liegen könnte. Damals kam die Überlegung zu einem Blog – oder Kompendium, denn wir haben ja gesehen, wie man Ski fährt. Ihr fragt Euch wahrscheinlich, welche Begründung ich vorweisen kann, um einen solch tendenziös gefärbten Text anzugehen?

Nun. Wir waren zunächst respektabel ausgebildeter Übungsleiter. Damals gab es mehrere Karrierestufen.  Zunächst kam die Lehre zum Übungsleiter Grundstufe, dann Oberstufe und dann ergab sich manchmal die Möglichkeit, einen Trainer B im alpinen Rennbereich drauf zu setzen. Eine interessante Sache. Jogi hat die Prüfungen gerade so geschafft, aber es war nicht sonderlich berühmt.

Man wurde als braver Hot-Dogger aber auch kritisiert im Skiverband, und zwar aus allen Himmelsrichtungen. Einige warfen ständig mit Messern und Wurfsternen nach Jogi. Wenn er sich an die Tische setzte, stoppte die Unterhaltung und alle glotzten ihn an. Er wusste nicht mehr, wo er sich hindrehen sollte. Von diesen Nörglern fuhr kein einziger Buckelpiste – was dann die Überlegung zur Folge hatte, die alle zu versammeln und in etwa 30 Sekunden aufzuklären.

Er hat die Leute also zu einem Treffpunkt eingeladen, sich hingestellt und gesagt „passt auf Leute, das ist eine Buckelpiste“. Dann ist er los gefahren, hat anschießend hochgekuckt und auf die Reaktionen gewartet.

Erstmal passierte nichts, die Teilnehmer des versammelten Grüppchens bewegten sich nicht, waren ruhig und redeten nicht miteinander. Man konnte keine Veränderungen beobachten. Die ausbleibenden Reaktionen führten zu einer Pause, die bemerkenswert lange anhielt und dann ging es los.

Einer versuchte dem noch eins drauf zu setzen, indem er die Buckel rückwärts runter fuhr – also die Rückseite seines Körpers zum Tal, Skipitzen zum Berg. Ob absichtlich oder nicht, hat man nicht erkennen können – möglicherweise war es ein halber Helikopter oder die Folge eines Helikopters, der zu früh abgebrochen worden war. Ein Helikopter ist  eine Drehung in der Luft, und wer die nicht  hinbekommt, landet rückwärts auf dem Boden. Ein anderer machte ungefähr das Gleiche wie Jogi, aber nur auf einer Strecke von drei Buckeln, dann kam ihm blitzartig der Gedanke, dass Recoveries (also Beinahe-Stürze, Purzelbäume, Trickski-Einlagen) in früheren Zeiten viel höher bewertet wurden als langweilige, glatte Fahrten, so dass er sich entschloss auf einem Ski weiter zu machen, was wiederum von dem Gedanken abgelöst wurde, dass – wenn unter den Schuhen irgendwie gar keine Ski mehr verfügbar sind – man doch mit einem präzisen Sprung in die Mitte des Buckels den Buckel aufsprengen kann, so dass dieser in Stücke fällt. Also sprang er mit den Füßen in den nächsten Buckel hinein und versuchte ihn aufzusprengen. Erfolglos. Der Buckel verformte sich nicht merkbar. Nach dieser Vorbereitung ließ er die Glieder seines Körpers entspannt hängen und glitt vorsichtig in einen Stillstand hinein. Er war zufrieden, suchte sich eine bequeme Position und streckte sich aus – um über Dinge nachzudenken, die er nicht definieren konnte. Er wusste es nicht genau und auch in den folgenden Stunden ist ihm keine Langeweile gekommen.

Die anderen standen noch oben am Berg und schauten nach unten.

Jogi’s Laune war ganz ok.

In den Alpen wusste man nun also, wie Buckelpisten benutzt werden. Vielleicht könnte er mal nach Japan fliegen, um das den Leuten dort auch zu demonstrieren. Mal sehen, was sich noch ergeben würde. Einer hat ihm kürzlich angeboten, er solle doch im Club Med in Les Arcs arbeiten. Er könne dort sein Französisch aufpolieren … und so weiter … O lala, Jannette Baguette …

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Der korsische Indianer https://www.buckelpistenfahren.de/der-korsische-indianer/ https://www.buckelpistenfahren.de/der-korsische-indianer/#respond Sun, 08 Mar 1992 18:00:49 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=17 .flex_column.av-3q76p-23694938cfdf31b75b8878075ee868f3{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Der korsische Indianer

Silvretta Nova im Frühjahr 1992


Wir befinden uns in den frühen Neunzigern. Seit dem ersten Teil der Geschichte sind etwa 10 Winter vergangen. Manche davon hatten guten und einige sogar sehr guten Schneefall gebracht. In diesen Zeiten gab es in jeder dritten Nacht Winterstürme mit voluminösen Ausgüssen, so dass alle Wintersportler Gelegenheit hatten, sich auf den Pisten blicken zu lassen und am Thema entlang zu üben.

Nun war es soweit, nun wollte ich mich positionieren – die Arena will schließlich vom Nachwuchs übernommen werden. Meine Kunst hatte zwar nicht das Niveau der Vorgabe erreicht – aber mein Plan, obwohl ein wenig perfide, schien einigermaßen sicher zu sein: Ich schätzte ab, dass ich mit dem Vorteil der Jugend die Alten auf die Plätze weisen können würde. Der eine oder andere Hund von früher sollte in eine peinliche Situation gebracht werden. Sie sollten sich aus der Warte ihres fortgeschrittenen Alters heraus fuchsen.
Also ging  ich wieder ins altbekannte Skigebiet, zur Silvretta Nova. Sollte keiner der Bekannten erscheinen, würde ich wenigstens auf eine junge Buckelpistenszene treffen. Wie es der Zufall wollte, begleitete mich bei meinen Erkundungen eine Studentin, namens Netti, die ich noch nicht lange kannte. Zufälle gab es …

Wir kamen am Donnerstag an. Oben tat sich gar nichts, der Hang war sozusagen verwaist – nichts mehr da von der Aufregung früherer Tage. Dort, wo mal irgendwelche Deppen mit abwegigen  Ansätzen die Piste beackert hatten, war  nichts mehr zu sehen. Die Buckel sahen zwar gut aus und der Schnee war in Ordnung – aber niemand benutzte ihn. Was soll’s,  sagten wir uns, und fuhren zwei Tage lang über die Buckel, mit dem, was dazugehörte: Heli, Rückenkratzer, Anhocktechnik. Ihr wisst ja Bescheid.

Auch am Samstag tat sich nichts. Keiner schob sich durch Gelände und Nachwuchs war auch nicht zu sehen. Ich stellte fest, dass hier nichts mehr los war. Buckelpistenfahren war anscheinend voll aus der Mode gekommen. Vielleicht hatte sich die Szene einen anderen, mir unbekannten Ort für ihre Veranstaltung ausgesucht. Es konnte auch sein, dass die Kerle von damals – die ich meiner Begleiterin schon erwähnt hatte – Wohlstandsbäuche besaßen und sich mit wichtigeren Sachen als dem Buckelpistenfahren beschäftigten.

Zur Novagaststätte, die am Beginn dieser klassischen Buckelpiste platziert ist, möchte ich etwas sagen: Die Portionen dort waren riesig. Wer alles aufaß, was die Teller hergaben, brauchte nicht mehr an Körperertüchtigung zu denken. Ich philosophierte: Man muss im Leben eine Menge Zeug in sich hineinfressen, bis man ans Ziel gelangt. Wir haben dann die halbvollen Teller liegen lassen.
Wir saßen also um die Mittagszeit im gleichen Sessellift wie damals, hatten volle Bäuche,  schauten runter und stellten fest: Nichts zu sehen. Schade. Wir beide würden uns mit meinen Rückblenden begnügen müssen. Der gefrorene Morgenschnee begann langsam weich zu werden.

Auf einmal zuckte ich in meinem Metallsessel, denn ich sah etwas: Da war einer! Einer von denen. „Schau mal“ – meine Finger zeigten in die richtige Richtung. Ich war stolz auf mein Gedächtnis. Wer kann sich schon an Gesichtszüge von Leuten erinnern, die er 10 Jahre nicht gesehen hat und die jetzt durchaus etwas anders aussahen. Obwohl, der Typ sah eigentlich immer noch unverändert aus.

Um ihn ein wenig zu beschreiben: Wir gaben ihm etwa 40 Jahre. Sein Körper steckte in einem Overall. Zu sehen waren 5 Jahre alte Salomon-Schuhe, ein Modell mit besonders hohem Schaft. Die Ski waren neu und teuer – die Exklusivität, die mich schon immer ins Grübeln gebracht hatte. Sein Gesicht könnt ihr euch, falls ihr ein wenig Allgemeinbildung besitzt, als das des Korsen „Osolemirnix“, aus dem Comic  „Asterix auf Korsika“ vorstellen. Die Ähnlichkeit mit dem gezeichneten Korsen war nicht ungefähr, sondern groß. Hier seht ihr ein Abbild dieser Visage.

osolemirnix

Die Spur war also aufgenommen. Wir sahen, wie er im oberen, etwas flacheren Bereich der Piste vorging. Er hoppelte über die Buckel, ohne wesentliche Richtungsänderungen vorzunehmen – ausgefahrene Schwünge waren anscheinend nicht sein Thema.  Wir stellten fest, dass er nicht darauf angewiesen war, die Geschwindigkeit niedrig zu halten.

Der Sessellift spuckte uns aus und wir gingen auf die Piste, um ihm zu begegnen. Ich hatte eine alte Ikone gefunden. Ich würde mich dem Kräftemessen stellen und an vergangene Zeiten zurückdenken. Bei der Abfahrt blieben wir dann an einer Stelle stehen, wo er sicher vorbeikommen sollte. Da kam er auch schon „herangerutscht“.

Wieso ich „herangerutscht“ schreibe,  in Hochkommas hervorhebe und betone? Nun, ich wusste, was es heißt  zu rutschen – und kannte alle diesbezüglichen Vorbehalte. Das Abenteuer konnte ich in dieser Ausführlichkeit nur erleben, weil ich mich zuvor mit dem Thema klassische Skitechnik befasst hatte.

Der Korse fuhr einen gerutschten Innenskischwung, auf dem Stückchen planer Fläche, welcher den Eingang in den Buckelhang bildete. Deutsche Skiinstruktoren meinten stets, dass Schwünge geschnitten zu fahren sind, und dass das Körpergewicht ausschließlich durch den Talski auf den Boden zu drücken habe. Ich hatte diese Verfahrensweise mittlerweile mehr oder minder akzeptiert. Der Korse machte das genaue Gegenteil. Dem brauchte man nichts mehr hinzuzufügen. Eine ungute Sorge schlich sich mir ein – sollte diese Methode in der Buckelpiste eine Anwendung finden?

Wir Urlauber standen neben ihm und ich sagte sehr betont: „nicht schlecht… habe Sie schon vor 10 Jahren gesehen…  beeindruckend, nicht?“ – keine Antwort. Der 40-Jährige hatte mich gehört und eindeutig für eines Gespräches unwürdig befunden – und beeilte sich noch nicht einmal, diese unangenehme Lage zu beenden. Er stand lange da. Meine Bekannte zuckte mit  ihren Schultern und ich  auch.

Als es los ging, hätte ich die Vorstellung fast verpasst. Kein Wort und weg war er: Ich schob mich umständlich ein paar Meter nach vorne, um ihn zu sehen. Er glitt die Buckelpiste nicht in Richtung Falllinie hinunter, sondern durchkreuzte sie von links nach rechts von der linken Seite zur rechten Seite. Wie soll ich’s beschreiben? Auf jede Buckelflanke, auf die er traf, rammte er die Außenkanten seiner Außenski (wohlgemerkt die Außenkante) mit Wucht hinein. Er vollführte eine ungewöhnlich starke Vor-Seit-Bewegung des Oberkörpers. Der Kopf nickte, phasengleich mit dem Stockeinsatz, nach unten und dabei flogen seine Haare in Fahrtrichtung. Die Knie und Unterschenkel kippten bei jeder Buckelannahme auffällig weit nach innen. Zwischen den Buckeln verzichtete er, wie schon die 10 Jahre zuvor, auf jeglichen Bodenkontakt. Er schoss vorwärts und konnte seinen Körper scheinbar wie einen mobilen Magneten bewegen, um ihn für einen Sekundenbruchteil auf  „Buckel-Anziehen“ zu stellen und dann wieder auf  „Flugphase“ zu schalten. Diese  menschliche Granate trieb eine Schneise ins Gelände. Kurz vor dem Wald auf der rechten Seite der Piste befand sich ein Hügel.

Er nahm die Flanke des Hügels als Rampe, um einen Helikopter zu springen. Wir sahen keinen Baby-Helikopter, wo man die Umdrehung gerade mal so hinbekommt und vielleicht ein paar Zentimeter hoch fliegt. Wir sahen einen Satz, bei dem der Springer gemütlich das Rundum-Panorama betrachten kann. Es schien, als wollte er die Phase, wo er rückwärts in der Luft schwebte, besonders auskosten.

Nachdem die Rotoren einmal durchgedreht hatten, fing er sich, landete und ging sofort in die Hocke. Ohne Verzug  wechselte er die Fahrtrichtung. In den letzten Buckeln zeigte er einen Peitschenschlagschwung, wobei er entschieden dafür sorgte, dass seine langen Haare zur Seite flogen.


Und wir?

Erst mal nichts. Unsere Beine waren blutleer. Die Augen protestierten gegen das Unwirkliche. Wir standen da, angefasst von einer Art Mischung aus ehrlicher Bewunderung und selbstbezogenem Zweifel. Wir rekapitulierten, was wir gerade gesehen hatten:  Er hatte den Raum durchkreuzt, als wäre er ein Insekt gewesen. Wir Umstehenden wollten mit einer großen Klatsche auf dieses Insekt draufschlagen und sagen: Unsinn, so fährt man doch nicht das Gelände entlang, und nochmals: Unsinn. Aber er entschlängelte sich unserer Klatsche mit großer Geschwindigkeit. Diese Fahrt war eine Massenkarambolage gewesen, eine Zerstörung der bestehenden Meinungen zum Thema Skifahren mit anschließendem Schockzustand. Das war es denn wohl. Es gibt Sachen, die lernt man einfach nicht.

Dann sagte einer: „Leute, ich sterbe gleich.“

Er hatte mir vor seiner Fahrt nicht geantwortet und das war der schönste Steilpass, den wir uns nur wünschen konnten. Dieses Schweigen ergoss über meine Begleiterin und mich die interessantesten Gefühle. Über eine Antwort hätten wir ein paar Minuten nachgedacht, sein Schweigen produzierte Phantastisches. Der Typ sagte mit seiner Fahrt alles – was sollte er noch in gesprochenen Sätzen hinzufügen?

Meine Begleiterin nannte ihn den Indianer, weil sie die französischen Bildheftchen nicht kannte. Später war zu hören, dass man ihn als den „ersten Heli“ bezeichnete, während es auch einen „zweiten“ gab. Nun, immerhin hatte ich Aufmerksamkeit erzeugt.

Der Korse machte die Buckelpiste für zwei Stunden zur Schnelltrasse. Während wir eine Fahrt machten, erledigte er drei. Er blies uns um die Ohren wie ein Wirbel, der von allen Seiten kommt. Aber dann war er weg.

Und als wäre es ein Anpfiff gewesen, tauchten andere Protagonisten auf: Wir sahen einen Hund, der seine Haare zu einem langen Pferdeschwanz gebunden hatte und ohne Aufregung mit besonders weichen Bewegungen hinab fuhr. Wie ihm das gelang, konnte ich lange nicht analysieren. Ein anderer, in schlichter Kleidung, war eine tragische Gestalt. Er schwang extrem fix, aber diese Schläge, denen er sein Kreuz aussetzte – allgemein wurde über seine Bandscheibenprobleme gesprochen. Wenn ein Buckelpistenfahrer nicht aufpasst, muss er etwas Brauchbares hergeben, nämlich seine körperliche Gesundheit. Das Schicksal eines Rückgrads mit kaputten Weichteilen ist mehr als schlimm, sagte ich mir damals. Ein armer Kerl. Man muss nicht nur lernen intensiv zu fahren, man muss auch Methoden finden, die nicht am Kapital zehren.

Ein weiterer trug blaue St.-Giorgio- Skischuhe mit brutal ausgedrehter Vorlageschraube am Schaft – diese Dinger waren selten. So konnten wir feststellen, dass es möglich ist, die Vorlage des Stiefels zu erhöhen. Wir badeten in jeder Menge Anschauungsmaterial. Der Angelpunkt war aber eindeutig der Indianer gewesen.

Ich traf ihn nie wieder. Der Urlaub, der wie eine Art Leinwaldfilm verlief, endete am Sonntag. Wenn meine Bekannte und ich einander nur das Wort „Indianer“ bemerkten, war das eine sichere Methode, dass wir uns vor lachen wegwarfen. Wir leierten diesen Vorgang hundertfach durch – bis es uns dann doch anfing zu nerven.

Ich möchte noch eine Kulturfrage aufwerfen: Gibt es irgendwo gute Buckelpistenfahrer, die bereitwillig kommunizieren? Leute, die nicht so ausgereifte Darbietungen auftischen können wie er selbst, mag der zungenfaule Korse nicht leiden. Mit Sportlern auf Augenhöhe oder darüber hinausgehenden Fähigkeiten – und die wird es im Laufe der Zeit geben – teilt er sich schätzungsweise auch nicht gerne sein Revier.

Ich bin 2003, nach einer Dekade, noch mal zur Silvretta-Nova gefahren und war überzeugt davon, dass der indianische Korse auch damals keine Probleme mit dem Jungvolk haben wird. Sobald der Typ mal die Altersgrenze von 80 Jahren passiert, wird er sich auch etwas einfallen lassen. Da bin ich mir sicher.


Und das war alles?

Tatsächlich. Mehr ist in diesem Urlaub nicht passiert, als dass ein Blitz vor uns einschlug, und wir hin- und herwackelten. Es folgte ein Kampf um unser inneres Selbstwertgefühl. Diesen Kampf konnten wir nicht mal ansatzweise abschließen und haben dann unser restliches Hab und Gut – also was davon noch übrig war – wieder eingesammelt.

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Eine vorlaute Bemerkung https://www.buckelpistenfahren.de/eine-vorlaute-bemerkung/ https://www.buckelpistenfahren.de/eine-vorlaute-bemerkung/#respond Fri, 15 Jan 1988 20:21:47 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=51 .flex_column.av-2s6wn-032d804bcdd18c9cadee27e23af10a17{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Mittags, um halb zwei, an der Oberkante

Schweiz 1988

Kürzlich traf ich Andy, einen Freund aus unserer alten Trainigsgruppe wieder. Solider Typ, solider Sportler. Wir hatten uns schon lange nicht mehr gesehen – seit ein paar Ewigkeiten, wie wir beide feststellten. Er sah noch gleich aus, die gleiche Fröhlichkeit, identische Frisur, die gleichen Körperbewegungen – und er liebte nach wie vor Statements. So sagte er gleich zu mir: „Na? Immer noch so unkontrolliert drauf?“

Da habe ich erst mal gekuckt und dachte ziemlich laut: Was sollte das? Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals verletzt zu haben. Ich habe auch keine Leute umgefahren und bin selten hingefallen. Vermutlich hat er mich auf meine Recoveries angesprochen. Eine Recovery ist eine Aktion, bei der du fast hinfällst, aber eben nur fast und nicht ganz. Sowas kann ganz cool aussehen und sowas ist dann auch tolerierbar.

Ich habe den Beobachter der Dinge dann nicht weiter hinterfragt, sondern in den Arm genommen und gesagt: „Komm, wir haben einiges zu erzählen.“ Ich freute mich wie ein verloren geglaubter Blutsverwandter, ihn endlich mal wieder sehen zu können. Man musste ihm einfach vieles verzeihen, denn er war doch tiptop, im inneren Kern, sozusagen. Wir unterhielten uns dann über alles Mögliche und dann stellte sich heraus, dass er mir eine Sache auspacken wollte, die er kürzlich erlebt hatte. Die Geschichte war so typisch, dass ich sie bis heute in Erinnerung habe. Ich war also nicht dabei, als das Kuriosum geschah – aber jeder, der den Kollegen kennt, wird sich leicht vorstellen können, was damals passiert sein musste. Habt Ihr Interesse, davon zu hören? Dann fange ich mal an. Wir sind ja eh schon dabei.

Es begann folgendermaßen: Andy stand in den Schweizer Alpen an der Oberkante einer Piste. Dort war – natürlich – eine Buckelpiste und da musste man irgendwie runter. Viele Leute trauten sich da nicht hinein. Dieser Abschnitt war den Leuten vorbehalten, die mit stärkeren Herausforderungen auf Skiern umgehen konnten. Mein Kumpel verfügte über diese Fähigkeiten, schließlich war er seit seiner Kindheit auf Skiern gestanden.  Aus ihm war mit der Zeit ein echter Buckelpisten-Experte geworden, da konnte ich ihm zustimmen.

Er strich sich – wie häufiger vor seinen Fahrten – mit der Hand übers Kinn.  Wenn ihm kein Stolperer passieren würde, konnte er mit sauberen Ausgleichsschwüngen und einem stabilen Oberkörper diese Piste herunter fahren. Mit geübtem Blick suchte er den Hang ab und überlegte: wo befand sich die Reihe von Buckeln, die er nehmen konnte, um ordnungsgemäß einen Bogen an den anderen zu setzen? Buckelpisten waren sein Spezialgebiet, da musste ihm erst mal einer kommen, hehe. Standen irgendwo interessante Fräuleins herum? Gleich würde er die Würfel fallen lassen.

Als er noch dastand, um sich zu sammeln, hielt plötzlich eine andere Gestalt neben ihm an. Schau an, dieser Typ war nicht unbekannt, er war meinem Kumpel bereits zuvor aufgefallen. So ein Zufall aber auch. Dass der soeben Angekommene sein Metier verstand, hatte man bereits sehen können, vom Lift aus, in den Stunden zuvor.

In diesem Moment fand also eine Begegnung statt. Mein Kumpel wollte etwas beisteuern, logischerweise. Er dachte, da ließe sich ein Gespräch beginnen. Ein Austausch von Insiderbemerkungen – oder ein Lob fürs Buckelpistenfahren und jammern über die blöde Kondition, die man dafür antrainieren müsse. Der andere sagte nichts – was aber nicht ungewöhnlich war. Buckelpistenfahrer sind häufig ungesprächig. Da muss man sich schon ein bisschen mehr anstrengen, um eine Unterhaltung anzuwerfen.

Bevor ich jetzt fortfahre, möchte ich noch folgendes klar machen: Wir waren damals Slalom- und Riesentorlaufrennläufer – allerdings nicht besonders erfolgreiche – und haben permanent irgendwelche Sprüche geklopft. Wir sagten zum Beispiel, bevor wir uns ins Rennen gingen: „Sieg oder Akja“. Wir wollten nicht vorsichtig durch den Torlauf fahren, um einen Platz im Mittelfeld zu erreichen – sondern es ging immer vollgas. Entweder wir fänden den schnellsten und riskantesten Weg ins Ziel, oder wir würden rausfallen und zum Rettungssanitäter gebracht. Die Realität bestand meist weder im Sieg noch im „Akja“, sondern in ein paar hässlichen Sekunden Abstand zum Führenden.

Es gab noch einen zweiten Spruch, den wir auch häufig verwendeten. Und dieser etwas ausgetretene Satz passte nun genau zur Situation. Wir hatten ihn so häufig benutzt, so dass er sich für uns abgenutzt hatte. Mein Kumpel überlegte noch einen Moment, ob er ihn herauslassen sollte. Sollte er besser ruhig bleiben? Seine Lippen nahmen ihm aber, just in diesem Augenblick – wie schon in vielen anderen Momenten zuvor – die Entscheidung ab:

„Schuss – oder A….loch!“

Mein Kumpel sprach also diesen harten Satz vor einem Menschen aus, der nicht darauf vorbereitet war. Dann zwinkerte er schnell mit den Augen. Er wollte keinen angehenden Bekannten beleidigen.

Man sah nicht, ob der angehende Bekannte verstanden hatte. Er stand da und schaute weiter auf die Piste. Man hätte meinen können, er habe nichts gehört gehabt – aber der Satz war laut genug ausgesprochen worden.  Jetzt konnte man sich den Typen anschauen. Er war unauffällig gekleidet, seine Hose und Pulli hielten sich in braunen Farben. Schon seltsam, was für Typen vor einem auftauchten. Mehrere Atemzüge vergingen. Der Wind blies vom Hang her über die rot werdenden Backen meines Kumpels, aber es passierte nichts. Hoffentlich würde die Situation bald ein Ende finden – bevor hier noch andere Bemerkungen fielen.

Aber dann: Der angehende Bekannte drückte die Stöcken in den Schnee und schob sich in den Hang. Er machte das kommentarlos. Und was passierte dann? Nun, der verständige Zuhörer benötigt nun keine Denkhilfe, um die sich nun abzeichnende Konstellation zu imaginieren und vorherzusagen: Ihr ahnt wahrscheinlich schon, dass der Typ nicht irgendwelche traditionellen und gängigen Schwünge startete, wie unser Andy erwartet hatte.

Nein. Der Kerl fuhr los. Genau. Er fuhr zentral in die Buckelpiste hinein und ohne Furcht vor der Erdbeschleunigung tat er das. Nach 100 Metern stand ein Liftpfeiler neben der Piste, auch der ohne Einfluss. Der Kerl fuhr tatsächlich in der undurchführbarsten Weise talwärts. So war das. Und so wurde mir das berichtet von einem ziemlich ratlosen Andy. Nach 15 Sekunden stand der Typ noch aufrecht, als wäre das üblich und normal.


Eine Nummer zu groß

Auweia.

Was die Frage beantwortete. Da entstand natürlich ein leichter Überdruck. Aber wer rechnete denn mit sowas? Und dabei hatte der Andere noch nicht einmal Streit gesucht, mein Freund Andy hatte die  Sache ins Rollen gebracht. Ok, diese Aktion war eine Nummer zu groß. Aber was nun? Wie soll man da sein Ego wieder in die Vertikale heben, wenn es derart den Bach hinunter geht? Sicher, Andy hätte sich wehren können, indem er das Gleiche gemacht hätte. Aber das ging nun wirklich nicht. Mein Kumpel schätzte die Situation korrekt ein und blieb stehen. Unten hat der Typ abgeschwungen, stand drei Sekunden, und verschwand dann hinter einer Kuppe.

Wir einigten uns, dass sie halt so seien, die Buckelpistenfahrer. Jeder muss selbst zurecht kommen. Wenn man irgendwas nicht recht einordnen kann, erhält man eben eine Brille hingereicht. Jetzt sei er schlauer, nun kenne er die Tatsachen.

Das kapierte Andy und bestellte uns gleich noch zwei Gläser Rauschelimo. „Was soll’s“, sagte er, der Moment sei für ihn letztlich ganz amüsant gewesen. Seit damals habe für ihn der Spruch „Schuss oder A….loch“ eine neue Bedeutung bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass er ihn nie wieder derart naiv benutzt hat. Danach habe er Abstand gehalten und nicht mehr versucht, den Unbekannten anzuhauen.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Frage vom Anfang zu wiederholen:
„War diese Schussfahrt jetzt eigentlich kontrolliert, oder unkontrolliert?“

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Kürzlich, vor dem Trainingslager https://www.buckelpistenfahren.de/kuerzlich-vor-dem-trainingslager/ https://www.buckelpistenfahren.de/kuerzlich-vor-dem-trainingslager/#respond Thu, 05 Apr 1984 22:24:41 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=1237 .flex_column.av-4jadbp-ba7a2ff3328639efa0dbe05e940dd150{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Kürzlich, vor dem Trainingslager

Morgenreflexionen

Halleluja. Seit dem ersten Schlag sind nun etwa 10 Minuten vergangen. Ist das jetzt Tatsache oder träume ich? Wo befinde ich mich eigentlich? Ich habe erst mal nix gesagt. Ich liege auf dem Bauch, bewege mich nicht, habe den Kopf zur Seite gelegt, den linken Arm nach vorne gewinkelt und die Beine gestreckt. Ich atme in mein Kissen. Aha, da ist ein Fenster. Mit einem Vorhang, den ich nicht kenne, den ich noch nie gesehen habe. Anscheinend ein Zimmer. Die Sonne scheint schräg durch das Fenster rein. Neben mir ist jemand, mein Kollege Jogi, glaube ich. Er atmet hörbar. Wir beide befinden uns wohl in einem Zimmer in einer fremden Unterkunft. Kann ich mich umdrehen, und ihn etwas fragen? Ach nein, das geht ja nicht. Ich war die ganze Zeit ruhig, aber nun  interessiert es mich doch.

Ich frage: „Bei Dir auch?“

Jogi sagt: „ Ja, bei mir auch!“

Wir lachen beide – was einen erneuten Schlag zur Folge hat. Oh Leute, man darf noch nicht einmal daran denken, sich zu bewegen.

Es ist früh morgens, etwa 7 Uhr, wir liegen im Bett, die Sonne scheint hinein und wir lachen. Was ist da passiert? Wir hatten ein Trainingslager im Allgäu, waren aber 24 Stunden zu früh da, weil irgend einer – das war ich – das Datum nicht richtig gelesen hatte. Wir hatten also den ersten Tag frei und sind natürlich Langlauf gefahren und haben anschließend Eisstockschießen gemacht. Nein, wie der aufmerksame Leser vielleicht schon vermuten mag, haben wir an diesem Tag eine andere Option genutzt. Was soll man sagen: Die Situation ergab rein zufälligerweise, dass wir ein wenig Buckelpiste gefahren sind. Einfach so, ohne großartige Planung. Das Wetter war echt gut. Guter Schnee und ein gutes Areal, da in Oberjoch im Allgäu. Wir fuhren zwei, dreimal runter und plötzlich stand einer neben uns, der das auch ganz gut konnte.

Er war gesellig und hat mit uns kommuniziert, so dass wir herausfanden, dass er im Nationalteam im deutschen Freestyle aufgenommen war. Echt, im Nationalteam? Wir wussten nicht, dass es für derartiges auch Nationalteams gab, denn Buckelpiste war damals noch keine allgemein akzeptierte Sportart. Das hat uns dann ordentlich angespornt. Der Typ fuhr also einen halben Tag mit uns durchs Gelände, hat lupenreine „Rund-um-Sicht-Helis“ gemacht, aber irgendwann meinte er, er habe genug und müsse sich verabschieden. Wir haben ihn ausgelacht und sind weitergefahren, bis zum letzten Lift an diesem Tag. So ein Trottel, ist in der Nationalmannschaft und gibt so früh auf.

Der Typ von der Nationalmannschaft war wirklich eine Pfeife, fanden wir dann am Abend. Auch wenn er lupenreine Helis sprang.

Na ja, eigentlich war er keine Pfeife sondern hat recht gehabt. Wir merkten das etwa 16 Stunden später und waren dann genau so schlau wie er. Der Muskelkater dauerte etwa eine ganze Woche lang. So etwas habe ich nie wieder erlebt. Am schlimmsten war der erste Morgen.

Nachtrag

Nun ist es nicht sehr schwierig einen Fahrer aus der Nationalmannschaft persönlich zu treffen, wenn in einem Skigebiet lediglich eine Buckelpiste vorhanden ist und nur 3 signifikante Buckelpistenfahrer herumfahren.

Jogi hat mir später erzählt, dass er eine ganze Woche lang eine panische Angst vor Skiliften mit Bügeln hatte. Jedes Mal, wenn er einen Liftbügel hinter seine Gesäßmuskel klemmte, erzeugt das einen Schmerz, der ihn das griechische Alphabet rückwärts, den Hauptsatz der Integral- und Differentialrechnung vorwärts und das Ave Maria nostrum Deus geschüttelt aufsagen ließ. Erst nach einer Woche ist das Problem abgeklungen, aber dann war unser Aufenthalt auch schon vorbei.

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Die frühen Tage https://www.buckelpistenfahren.de/die-fruehen-tage/ https://www.buckelpistenfahren.de/die-fruehen-tage/#respond Tue, 18 Mar 1980 14:11:16 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=454 .flex_column.av-fnmh2-c13b181d27dc441ba8944755697861bd{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Die frühen Tage.

Die frühen 1980-er

In Gaschurn hatte das Licht an sonnigen Tagen irgendwie eine andere Farbe. Wenn man zum Himmel schaute, waren meist zwei kugelrunde Regenbogen zu sehen – nicht einer, sondern zwei. Das musste etwas mit den fliegenden Schneekristallen zu tun haben, keiner konnte es  genau erklären.

Um die Buckelpiste am NovaHang herum war ein Autobahnverkehr installiert, wie man ihn häufig kennt, mit einer schwach abfallenden blauen Piste. Diese Piste hat weiter unten total genervt, weil sie viel zu eng war. Da sind Pfeiffen herumgefahren, die total ausgerastet sind, nur weil man gerade mal in zwei Metern Entfernung an ihrem wackeligen Standort entlang fuhr. Aber irgendwie musste man ja vorbei kommen, sonst hätte man sich ja die Beine wund gestanden und die Tage waren eh zu kurz. Am Schlepper links ging es, aber im Sessel haste jedes mal bis zum Greisenalter warten müssen, eher Du dich in den Aufstieg setzen durftest. Ok, als Halbwüchsiger konnte man relativ gefahrlos drängeln, aber irgendwann entwickelte man doch dann ein Gefühl für zivilisatorisches Verhalten. Nur in den Buckeln war genug Platz für interessante Ideen, weil da ja kaum einer rein fuhr. Meist waren schon einige Personen drinnen, aber bei weitem nicht so viele wie außen rum.

Die Leute waren bei der Sache. Zugegeben, es waren nicht nur Skifahrer dabei, die mit ausgeklügeltem Kanteneinsatz fuhren. Aber alle vernahmen einen Impuls in sich regen, der sich wand und streckte und der nach Handlungsspielraum verlangte. Sie versuchten auf Arten und Weisen in Tal zu fahren, die eigentlich, logisch betrachtet, nicht in ihrem Portflio lagen. Wenn ich mich unter die Versammelten mischte, konnte ich immer wieder den Satz hören: „Leute, ich werde nächsten Sommer zwei Stunden lang Sport machen, täglich – und dann komme ich zurück, und dann ist es vorbei mit lustig. Jedenfalls für Euch.“ Da konnte man fast Ängste bekommen. Diese Sätzen sprachen Männer aus, die Bäuche hatten, Frauen mit verschwenderischen Hüftbereichen, und man hatte nicht den Eindruck, dass man sich wegen dieser Aussagen Sorgen machen müsste. Aber es waren unverrückbare Sätze.

Jeder testete und übte, fiel hin, stand wieder auf und probierte weiter, bis ihn nichts mehr einfiel, bis die Sonne unterging und ein abendlicher Treppenaufgang zur Herausforderung wurde. Man muss hinzufügen, dass diese Leute angesichts der Szenen, die wie ein Eimer Eiswasser über ihnen einschlugen, kaum die Wahl hatten, sich zu enthalten. Es wäre eine Wahl gegen das Wesentliche gewesen. Es wäre eine Entscheidung gegen die Begegnung der dritten Art gewesen.

Man kann das vergleichen: Wenn Dir mal zufälligerweise ein Ufo vor die Füße fällt, dann solltest Du das auch akzeptieren und ab dann nicht mehr dagegen ankämpfen. Hat ja eh keinen Sinn. (Und nein – mir ist noch kein Fluggerät vor die Füße gefallen.)

Ich habe festgestellt, dass man gar nicht mal so kräftig sein muss fürs Buckelpistenfahren. Wichtig ist die Vorgehensweise. Man soll so vorgehen, dass ein Endergebnis eintritt. Überlegt doch mal: Einen Hundert-Meter–Lauf bekommt jeder irgendwie hin. Also ist jeder bei Bedarf flott. Einigermaßen. Es kommt auf Deine Methode an. In den Buckeln musst Du einfach nur wissen, wie Du zu „strampeln“ hast. Wenn Du es autodidaktisch herausfinden möchtest, dauert es etwas länger, bis ein brauchbares Ergebnis kommt. Wir waren damals eigentlich alle Autodidakten.

Jeder kochte sein eigenes Süppchen. Mir sagte mal einer freundschaftlich und hielt mir den Arm um die Schulter, haha, er sei der Experte und ich, der Junior, solle doch mal informiert werden, nur die Underground-Musik könne einem die rechte Einstellung verleihen, die man brauche für die notwendige Motivation. Er sagte mir dann nochmals zur Eigenbestätigung: „Andergraund“, steckte seine Hörer ins Ohr und das Gespräch war für ihn beendet. Dann zeigte er mir seine Vorgehensweise, aber überzeugender, als die anderen fuhr er nicht, fand ich. Trotz Knöpfen im Ohr.

Die Skilängen variierten ungefähr ab einem Maß von 120 Zentimetern – die Geräte nannten sich Balettski und die gab es damals – verwendet wurden allerdings meist die üblichen Fabrikate, also von vorne bis hinten immerhin ganze 205 cm. So war das damals. Manche Ski waren gestaucht oder anderweitig mitgenommen, aber das wurde toleriert. Hauptsache, man konnte noch einen Tag dabei bleiben. Ich hatte etwas preisgünstigere Ski, und dachte mir boah-eh, wenn ich solide Ski hätte, dann würde es abgehen. Aber das stimmte ja nicht. Die Ski sind nur ein untergeordnetes Produktionsmittel bei diesem Spektakel. Sie sollen nur nicht gleich nach zwei Tagen brechen.

Einer hatte mal eine Mütze mit einer faustgroßen Bommel aufgesetzt und fuhr damit durch die Gegend. Wir nannten ihn den „Hasen“. Ich fand das interessant und habe mir selbst eine gemacht. Die Herstellung einer derartigen Bommel ist nicht schwierig: man muss einfach einen Wollfaden nehmen, ihn dann fünfzigmal um die Hand wickeln, die Hand raus ziehen, das entstandene Knäuel in der Mitte zusammenbinden und die dadurch entstandenen Schlaufen aufschneiden. Diesen Bommel kann man auf  jede Stoffkappe drauf nähen. Nach diesem Muster habe ich mir dann die Mütze angefertigt. Sie liegt bis in die Gegenwart in meiner Schublade und sieht noch so aus, als könnte man sie aktivieren. Aber das geht ja nicht. Heute fährt man mit Helmen.

Die Overalls die sie trugen, hatten das Aussehen von Jacken, wie sie Motorradfahrer anhatten – nur nicht in schwarz, sondern in farbiger Ausführung. Ein Overall hatte einen Adler am Rücken eingestickt, also einen Vogel, der die Federn spreizte. Später wurde mir klar: Genau, wie die Federn eines Vogels sehen die Risse in einer Glastür aus, wenn man sie mit begründeter Willenskraft eintritt. Solche Adler auf den Hinterseiten von Jacken erinnern uns heute an Männer, die auf amerikanischen Motorrädern sitzen. Damals fehlten – mir jedenfalls noch –  diese Assoziationen.

Es gibt Sachen, die will man gar nicht wissen. Man muss nicht alle Arten von Unsinn kennen. Aus welchem Grund sollten Erwachsene herumlaufen wie Berggorillas  und sich vorderhand darum kümmern, anderen Menschen beim Blickkontakt Furcht einzuflößen?

Möglicherweise braucht jeder Mensch einfach eine Möglichkeit, um sich auszudrücken, sonst passieren die idiotischsten Sachen mit ihm. Wenn Du nicht Buckelpiste fahren darfst, benötigst Du eine andere Art, um ordentlich auf den Tisch zu schlagen. Es gibt in unserer Welt ja nicht wenige Gründe, die vernünftige Menschen zur Kernschmelze bringen, zur geistigen.

Es gab zwei Hauptgruppen am Hang. Die einen standen eigentlich nur rum, regungslos – Ihr wisst ja mittlerweile Bescheid – und haben dunkle und leere Löcher in die Luft geglotzt – wohl um über die anstehenden Fahrten zu meditieren und zu denken, dass die Welt nur im Modus eines einsamen Wolfes ohne Begleitung zu ertragen sei und dass Buckelpistenfahrer sich keine schwarzen Lederjacken kaufen sollten, weil diese zu schwer sind und nicht gegen die Kälte taugten. Standen rum, um dann sturzartig die Kräfte des noch jungen Buckelpistenfahrens zu entfesseln. Was sie taten, hatte niemand je gesehen. Und die andere Gruppe? Naja, die war aufgescheucht wie ein Taubenschlag von der ersten, reagierte ratlos, tappte ohne Orientierung am Hang entlang, fand das alles sehr, sehr spannend, ohne auch nur annähernd mitmachen zu können. Insgesamt kamen fünfzig bis hundert Teilnehmer an den Hang.

Dann gab es die Momente mit einem „Gong“. Man merkte, dass in der Nähe ein Gong angeschlagen wurde, und musste sich hinsetzen, den Gong auf sich wirken lassen, ohne besondere Aufmerksamkeit auf Gesichtsmimik und Körperhaltung legen zu können und mit gleichzeitigem Verlust der Aufmerksamkeit dafür, dass die Zeit weiter lief. Man sah es in den leichteren Abschnitten des Hanges. Irgendwelche Leute aus der Menge fuhren nicht mehr Buckelpiste, nein, sie tanzten in den Hügeln, machten Faxen, fuhren mal auf dem linken Bein, kreuzten die Ski schräg in der Luft – wohlgemerkt in dem Gelände einer Buckelpiste – und fanden die verdrehtesten Wege durchs Gewimmel. Habt Ihr schon mal Eichhörnchen in Park gesehen? Könnt Ihr euch vorstellen, wie diese Tiere Ski fahren würden? So in etwa konnte man es am Nova-Hang beobachten. In dem Augenblick rückten, wie gesagt, die anderen Sachen in den Hintergrund und man brauchte definitiv einen zweiten Gong, um wieder in den Tag zurück zu kehren und sich zu überlegen, was man als nächstes tun wollte. Es folgte ein Blick in die Runde: Hatte jemand den Aussetzer, den man gerade gehabt hatte, mitbekommen?

Als Betreiber von Skigebieten sollte man solchen Hunden – jedenfalls den überzeugendsten Exemplaren unter ihnen – eine Freikarte für die ganze Saison spendieren – und hätte noch einen Vorteil davon. Wo Buckelpiste gezeigt wird, da kommen die Zuschauer zurück. Mehr als 5 Super-Exemplare waren es eh selten an einem Tag.

Das ist übrigens das Endziel jeder geplanten Entwicklung. Das Endziel ist, dass wir am Schluss sämtliches „Zeug“, sämtliche Produktionsmittel, alles was wir für die Realisierung benötigen, beiseite legen und nicht mehr dran denken. Man braucht ja schon einige Zutaten für die Herstellung des Vergnügens „Gummihund“. Zunächst braucht man eine Welt, die das Szenario für diesen Sport bereit stellt – was heute durch den Klimawandel in Frage gestellt wird. Dann braucht man einen Körper, der derartiges möglich macht und man braucht ein Interesse – auch hier fehlen derzeit die Impulse. Wenn eine Sache dann gut läuft, denken die Beteiligten nicht an den Unterbau. Sie vergessen das Umfeld für die Dauer von ungefähr 30 Sekunden. Ist das verständlich ausgedrückt?

Der Hang war also sehr lebendig in diesen frühen Tagen – im letzten Jahrhundert, als die Winter noch funktionierten.

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Das erste Mal https://www.buckelpistenfahren.de/first-time/ https://www.buckelpistenfahren.de/first-time/#respond Sun, 28 Dec 1975 10:30:59 +0000 http://www.buckelpistenfahren.de/?p=15 .flex_column.av-2305z-1bbb7089290bac53f04c8cd50d1861fd{ border-radius:0px 0px 0px 0px; padding:0px 0px 0px 0px; }

Am Anfang, die erste Begegnung

Kükenreport aus dem Jahre 1975.

Frank war der erste von uns, der einen Buckelpistenfahrer gesehen hat. Er war damals noch keine 10 Jahre alt.

Was trieb ein Küken damals im Hühnerstall? Wenig sinnvolles jedenfalls. Statt mittelalterliches Skilatein zu üben, wie verlangt – also einen „Stemmbogen“ zu stemmen, einen Hochschwung zu zeigen etc. – konnte Frank viel interessantere Sachen machen. Zum Beispiel gab es den Fuzzi-Schwung. Fuzzy Garhammer war damals ein Star am Himmel von Kinder-Universen und er war dafür bekannt, dass er immer irgendeinen Quatsch machte. Er erfand einen Schwung, der heute noch unter dem Namen „Klammerschwung“ ein Begriff ist. Man setzt sich in die Hocke und bleibt unten, den ganzen Schwung über.

Dann gab es eine lustige Sache, bei der es darum ging, sich auf den Boden fallen zu lassen und einen Purzelbaum zu schlagen. Dies war durchaus im Lehrplan für Kinder vorgesehen, sofern die Skilehrer selbst noch Flausen im Kopf hatten. Kleine Jungs springen bekanntlich über Hindernisse. Schneewächten können wunderbare Sprungschanzen sein und die Grätsche ein erster praktischer Trick. Na ja fast, man muss anfangs noch lernen, dass die Beine bei der Landung geschlossen sein sollten. Das muss man wirklich ein paar mal üben, bis man es kann. Kleine Skifahrer balancieren auf einem Ski und nehmen dabei manchmal ohne jeglichen Grund das hintere Bein hoch, wie eine Ballerina. Auf einer Piste rum stehen, einem rot angezogenen Erwachsenen zuzuhören – damals trugen die Skilehrer rote Klamotten – und komplizierte Übungen auszuführen, das war nix, eine Verschwendung von Zeit und Kraft aus Welpensicht.

Und Buckelpistenfahrer? Buckelpistenfahrer spielten überhaupt keine Rolle. Bis dann jemand zustach – im Dezember auf 2000 Metern Höhe. Danach war alles anders.

Überraschung im Sessellift

Frank saß in einem Sessellift. Es war zunächst ein normaler Sessellift aber dennoch: Er befand sich neben dem Nova-Hang in Gaschurn in der Silvretta Nova. Frank blickte zerstreut auf eine Gruppe von etwa 5 Männern. Heute würde man sie als Vollidioten bezeichnen, ohne einen Rest von Verstand im Schädel und mit hundsmiserablen Zukunftsperspektiven und ohne irgend ein logisches Verständnis für Ihre Existenz, aber damals gehörten sie für Frank definitiv nicht mehr zur Gruppe der Kinder und Heranwachsenden, waren also Männer für ihn. Die Typen standen am Hang herum und bewegten sich nicht. Der Sessel transportierte Frank herauf und an ihnen vorbei. Die Typen standen da, waren wie feste Marmorfiguren und rührten sich kein bisschen. Sie steckten in Overalls. Das lag daran, dass Overallbekleidung damals aktuell war. Die Typen hatten Skibrillen mit Gummibändern an. Auch die trug damals fast jeder. Es war nicht zu sehen, dass diese Typen etwas nennenswertes tun wollten.

Bis einer losfuhr. Wobei „Fahren“ eigentlich nicht der richtige Begriff ist: Der Hund hob ab – in der Weise, wie ein flacher, rotierender Stein über das Wasser springt. Sein Stehen und sein Fahren standen in einem enormen Gegensatz. Dort, wo alle Skifahrer, die Frank kannte, langsam losrutschten, um ja die Kontrolle nicht zu verlieren, fuhr der Typ erst mal geradeaus.

Aha. Geradeaus. Eine Schussfahrt in der Buckelpiste.

Der Typ fuhr geradeaus los und Frank schaute ihm zu, ohne sich wirklich entschieden zu haben hinzuschauen, oder wegzuschauen oder einen wie auch immer gearteten Gesichtsausdruck zu machen. Die Schussfahrt ging über dreißig Meter. Das Vorgehen des Typs bestand nicht darin, die Täler zwischen den Buckeln auszugleichen, mittels einer Federung, nein, er hüpfte von der Spitze eines Hügels zur Spitze des nächsten. Seine Beine blieben geschlossen, man sah keinen Spalt zwischen den Knien.

Hm. Na sowas.

Dann kam ein Sprung. Der Typ sprang einen „Twister“, einige Zentimeter über den Spitzen der Buckel.  Heute weiß man bis in jedes Dorf in Schleswig-Holstein, also der flachsten Gegend Deutschlands, wie dieser Sprung genannt wird, man hat ihn ja schon so oft gesehen im Fernsehen – aber damals kannte Frank derartiges nicht. Und der Sprung wurde sauber durchgeführt –  ein mechanisches Uhrwerk hätte es nicht andres machen können. Der Typ sprang also einen Twister eine handbreit über dem Boden. Jeder normale Skifahrer wäre nun elendig verreckt bei einer Bodenberührung, einem unglaublichen Sturz. Aber der Typ blieb nicht hängen.

Den Ritt beendete der Typ so, wie er ihn begonnen hatte: ohne irgend eine Regung. Dann warf dieser Jemand nicht seine Arme hoch, um dem Trommeln auf den Buckeln einen Jubel irgend einer Art folgen zu lassen. Nein – er stand dann unten, ohne Reaktion und das war’s. Frank drehte sich wieder nach vorne. Was war denn das? Sowas gab es doch nicht. Was für eine Nummer. Eigentlich gar nicht so schlecht. Man hörte mittlerweile Geräusche vom Pistenrand und vom Sessellift.

Der Rodeoreiter schwieg nach seiner Fahrt unterkühlt – oder wie wir heute sagen: er war cool. Die Zuschauer waren ihm unwichtig. Folgenlos prallte der Applaus an ihm ab – denn Frank war nicht der Einzige, der ihm zugeschaut hatte und nun prustende Laute von sich gab. Der Typ hatte alle flach gelegt. Später sah Frank solche Fahrten erneut, denn die anderen Typen fuhren dem ersten Taktgeber hinterher. Richtig gewöhnen konnte man sich nicht daran.

Gesund sahen die Schläge, die der Typ da bei seiner Fahrt aufgesammelt hatte, nicht aus. Aber anscheinend trafen diesen Menschen solche Bedenken nicht. Im Verhältnis zu ihm waren alle Anfänger. Ach was, die Menschen konnten noch nicht mal mit dem anfangen, was dieser ausgewiesene Kerl da – präzise wie eine Feinmechanik – demonstriert hatte, und das veränderte die Situation.

Wozu soll man sich noch anstrengen im Skikurs, wenn man da solche Dinge eh nicht lernen wird, weil die gar nicht zur Diskussion stehen und gar nicht bekannt sind? Dann macht es keinen Sinn, den normalen Weg eines jungen Skifahrers zu gehen. Möchte man ab diesem Moment noch die durchschnittlichen Brötchen backen, die jetzt nur noch auf eine kleine und mickrige Dimension zusammengeschrumpft sind? Solche Gedanken sind Frank in den folgenden Stunden gekommen und haben ihn danach nicht mehr verlassen.

Das Stirnband

Eine vergleichbare Coolness hatte Frank schon mal erlebt, und zwar bei einer anderen Sache – beim Tennis. Im Fernsehen gab es damals einen gewissen Björn Borg zu sehen, Tennisspieler schwedischer Nation. Der Schwede war ganz interessant. Er fiel dadurch auf, dass er immer gefasst blieb. Er schaute in jeder Situation, egal wie praktikabel oder ungünstig sie für ihn war, gleich drein. Ein Zuschauer konnte an seinem Gesichtsausdruck nicht ausmachen, ob er gerade einen passablen Lauf hatte oder einen Ballwechsel vor der Niederlage stand. Mit seinem Stirnband hatte Björn Borg durchaus das Aussehen eines Indianers. An diese Fernsehübertragungen aus Wimbledon dachte Frank unwillkürlich, als dieser Typ so stoisch seine Fahrt beendet hatte.

Die Indianer

Es gab in Bezug auf den Umgang mit den herrschenden Verhältnissen zwei Arten von Herangehensweisen: Es gab diejenigen, die mitmachten und diejenigen, die nicht mitmachen wollten, warum auch immer. Erstere suchten ihr Glück in der Realität – wie beschränkt es auch sei, dem Motto gemäß, nutze bitteschön alles, was Du kannst, es gibt sowieso keine Alternativen. Die anderen verweigerten sich. Beide Gruppen hatten ihre Namen: Die „Cowboys“ und  die „Indianer“.  Die Cowboys strömten vorletztes Jahrhundert aus Europa auf den nordamerikanischen Kontinent und nahmen die Verlockungen des „niederen“ Lebens an und nutzten die ihnen zugänglichen Möglichkeiten: Dem Geld hinterher rennen, es verprassen, grob zueinander sein, sich einen Dreck scheren um alles, und so weiter …

Die Indianer verstanden das nicht. Sie positionierten sich außerhalb dieses – für sie unzivilisierten – Treibens. Sie wollten nichts mit den importierten Verhaltensweisen zu tun haben. Der Ritt auf der Buckelpiste war ein Kontrast zu dem, was „man“ üblicherweise so tat, denn Buckelpiste war anders. Der Hund hatte ein Ausrufezeichen gesetzt und er stand damit in der indianischen Tradition. Und Frank hatte ein Faible für diese Ablehnung. Man konnte also auch in Europa indianisch sein. Könnt Ihr das ungefähr nachvollziehen?

Habt Ihr mal die Sinfonie „von der neuen Welt“ von Antonin Dvorak gehört? Von einem ordentlichen Dirigenten eingespielt? Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe die Vermutung, dass die Europäer da nicht allzu gut wegkommen. Außerdem hat Dvorak Amerika nahezu fluchtartig verlassen, als er fertig war mit seiner Sinfonie. Alles Zufälle? War Dvorak ein Gummihund? Und was hat Alma Mahler damit zu tun?

Ist egal, lassen wir das. Vielleicht mache ich mal ein Video zu dem Thema.

Seit diesem ersten Kontakt ist das Buckelpistenfahren für Frank und unsere Gruppe interessant geworden. Ein Kind will natürlich 20 Jahre alt werden, um sich zu amüsieren. Aber es will nicht die Altersgrenze von 35 Jahren überschreiten, weil dann vielleicht die Knochen, Sehnen und Muskeln die Rechnung für eine  ausgefüllte Zeit  zahlen müssen. Bis uns dann, Jahre später von dem gleichen, gar nicht mal betagten Gummihund die Rahmenbedingungen erneut verändert wurden. Auf jeden Fall wusste Frank nun, dass es Dinge gibt, die irgendwie untergründig existieren, aber gemeinhin nicht bekannt sind und das man ein Verlangen nach solchen Dingen haben kann. Warum auch immer.

Frank hat uns in den folgenden Wochen von seinen Erlebnissen erzählt und so sind auch wir, eine Gruppe von jungen Skifahrern, auf diese Vorgänge aufmerksam geworden.

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